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Früher Beginn des Fremdsprachenunterrichts

Wie an allen Waldorfschulen gehören auch an der Waldorfschule in Essen vom ersten Schuljahr an zwei Fremdsprachen zum festen Bestandteil des Unterrichtsplanes. Bei uns sind dies Englisch und Russisch. Von der 9. Klasse an wird als dritte Fremdsprache auch Latein unterrichtet.
Mit dem frühen Beginn des Fremdsprachenunterrichts meinen wir kein leistungsbedingtes oder politisches Zugeständnis an die zunehmende Globalisierung unserer Lebensbedingungen und die daran geknüpften gesellschaftlichen Erwartungen. Vielmehr hat die Tatsache des frühen Beginns mit zwei Fremdsprachen in erster Linie menschenkundlich-pädagogisch Gründe. Denn lassen wir uns auf die Sprache unserer Mitmenschen ein, so lassen wir uns damit auf deren Denk- und Empfindungshaltung ein, lernen sie verstehen und würdigen. Von dieser Erfahrung gehen wir auch beim Fremdsprachenunterricht aus. Und wir meinen, dass damit zugleich das eigene soziale Engagement im Leben eine intensive Schulung erfährt.

Der Anfangsunterricht
Ziel des Fremdsprachenunterrichts in den ersten zwei bis drei Jahren ist es zunächst nicht, den Kindern übersetzbares Sprachwissen zu vermitteln. Sie sollen vielmehr erst aus dem Klang und der Lautgebärde der fremden Sprache das Unübersetzbare heraushorchen und sich im wahrsten Sinne des Wortes in der Sprache bewegen lernen, ehe ihnen ihre „Kenntnisse" systematisch bewusst gemacht werden und sie auch die Strukturen dieser Sprache als Ausdruck des fremden Sprachgeistes begreifen lernen. Erst allmählich lernen die Kinder ihr fremdsprachliches Vermögen auch gedanklich zu überschauen und so zu differenzieren, dass es abfragbar wird. Das ist aber ein langsam sich vollziehender Abstraktionsprozess, der in keiner Weise forciert werden sollte.
Da mag nach außen hin manches so scheinen, als erschöpfe sich der Unterricht in einem mehr spielerischen, willkürlicher Spontaneität entspringenden Tun und sei deshalb auch noch nicht recht ernst zu nehmen, da ja nicht einmal ein Lehrbuch verwendet wird.
Der Lehrer aber wird, statt ein Lehrbuch zu benutzen, umso genauer ins Bewusstsein nehmen, welche Wörter in welchen Liedern, Gedichten, Geschichten, Rollenspielen oder Unterrichtssituationen bereits präsent gewesen sind, von welchen landes- und volkskundlichen Eigenheiten erzählt wurde und welche grammatischen Strukturen anhand eines Stoffes in den lebendigen Unterrichtssituationen schon verwendet worden sind und immer wieder verwendet werden.
So lernen die Kinder bis zum Ende des dritten Schuljahres, über einen soliden Sprachfundus zu verfügen.
Dieser soll stofflich alle Lebensbereiche beinhalten, welche der Entwicklungsstufe des Kindes entsprechen: z. B. alles, was mit der menschlichen Gestalt zusammenhängt (Glieder, Sinnesorgane etc.), die Bereiche der Nahrung, der Kleidung des Menschen und alles, was mit dem Leben im Haus zu tun hat, sowie Tätigkeiten des Menschen, verschiedene Berufe usw.; dann Uhrzeit, Tageszeiten, Wochentage, Monate, Jahr und Jahreszeiten wie auch Zahlen, Farben, Wetter und Elemente; des Weiteren verschiedene Tiere und ihre Umgebung (Bauernhof, Wald) verschiedene Pflanzen und Steine u. a. m. Auch sind Sprechübungen verschiedenster Art (z. B. Zungenbrecher) wie die Fingerübungen beim Er lernen eines Musikinstruments unentbehrlich, um eine gewisse Geläufigkeit im Sprechen der fremden Sprache zu erwerben und die Sprachwerkzeuge geschmeidig zu machen.
Aller Stoff wird möglichst so ausgewählt, dass das jeweils gesprochene Wort mit Bewegungen und Tätigkeiten mannigfaltiger Art einhergehen kann.
Großer Wert wird darauf gelegt, dass immer Sinnzusammenhänge bzw. ganze Sätze gesprochen werden. Jeder Text, der von den Kindern gesprochen wird, sollte zudem einem gewissen stilistischen Niveauanspruch genügen. Es wäre völlig falsch, zu meinen, man müsse sich in Stil und Wortwahl auf eine Art Primitivstufe begeben, damit der Inhalt verständlich sei; denn das Kind ist ja darauf angewiesen, sich an sein Vorbild zu halten.
Ein sprachliches Vorbild wird demnach immer einen gewissen Anteil an Unverständlichem enthalten, auch wenn es sich um einfache Sprache handelt. Aber gerade dieses Unverständliche lassen wir die Kinder auch sprechen. So bildet sich zunächst ein reicher passiver Wortschatz, der dann im Laufe der Jahre durch ein langsam sich ausweitendes Verständnis von Sinnzusammenhängen aktiviert werden kann.

Prinzipien der waldorfpädagogischen Fremdsprachendidaktik und -methodik
Erst um die Mitte des dritten, spätestens aber Anfang des vierten Schuljahres setzt dann der systematische Fremdsprachenunterricht mit dem Schreiben- und Lesenlernen und dem Grammatikunterricht ein.
Es ist hier nicht der Ort, den Aufbau des Fremdsprachenunterrichts in seiner Gesamtheit durch Mittel- und Oberstufe hindurch darzustellen. Doch sollen die beiden Prinzipien genannt werden, die wie zwei Eckpfeiler das methodisch-didaktische Auflager allen Sprachunterrichtes an der Waldorfschule bilden: Menschliche Systematik (R. Steiner) ist unser didaktisches Anliegen. Das bedeutet, die Förderung der menschlichen Entwickelung ist auch im Fremdsprachenunterricht Mittelpunkt unserer pädagogischen Bemühungen, und daher sollte jeder Unterrichtsstoff in erster Linie Mittel zu diesem Zweck sein, ganz gleich, ob es sich um Lektüre, Wortschatz, Landeskunde, Grammatik oder anderes handelt. In methodischer Hinsicht ist es uns darum zu tun, den Schülern die formale Struktur (insbesondere die Grammatik) einer Fremdsprache ganz aus der Substanz der Sprache heraus (R. Steiner) nahezubringen. Es kommt uns darauf an, die jungen Menschen so an die fremde Sprache heranzuführen, dass sie deren im Volksseelencharakter begründete Gesetze nicht einfach als gegeben hinnehmen, sondern sie in ihrer Eigenart und ihrer Andersartigkeit gegenüber der Muttersprache verstehen und würdigen lernen. Auf solche Weise versuchen wir die Grundlagen zu schaffen für ein vertieftes Menschen- und Völkerverständnis, mit dem dann uneigennützige und individuell verantwortete Beiträge zur Lösung der Globalisierungsprobleme in unserer Welt möglich werden.